Landwirt, Tierarzt + Verbraucher im Dialog
Eine Initiative des "Förderkreis Verbraucher-Dialog" (VerDia)

Gästebuch

29 Einträge auf 6 Seiten
Volkmar Heitmann
31.12.2014 00:15:33
Sehr geehrter Herr Nathaus,

eine kurze Erwiderung:

Wie bereits geschrieben, gibt niemand den Landwirten und Tierärzten die alleinige Schuld an der massiven Ausbreitung multiresistenter Keime. Hier gehört selbstverständlich auch die große Zahl unverantwortlicher Humanmediziner an den Pranger. Trotzdem halte ich es für notwendig und richtig, dass DIE ZEIT den Finger in die Wunde 'industrielle Landwirtschaft' gelegt hat.

Es macht eben doch einen Unterschied, ob man 100 oder 1000 Tiere (oder sogar mehr) im Stall hat: Je größer die Tierbestände sind, die auf engstem Raum zusammengepfercht sind, desto größer die Gefahr für gegenseitige Ansteckung. Wenn dann auch noch die genetische Vielfalt im Tierbestand fehlt, sind der Krankheitsausbreitung keine Grenzen gesetzt. Der regelmäßige Einsatz von Antibiotika ist vorprogrammiert, die Förderung von Resistenzen auch.

Davon abgesehen habe ich es selbst mehrfach miterlebt, dass Antibiotika als Masthilfen eingesetzt wurden. Ein staatliches Monitoring ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, ist aber nur ein schwacher Schutz vor bewusstem oder auch unbewusstem Missbrauch. Ein privatwirtschaftliches Monitoring halte ich für sinnlos: Brancheninterne Selbstregulierung ging bisher in praktisch allen Fällen schief.

"Ansonsten wären 70% der Landwirte und Tierärzte bereits tot." Das ist schon wieder eine Nebelkerze! Was soll solch ein irreführendes Argument? Ein gesunder, immunstarker Mensch erkrankt nicht an den multiresistenten Keimen - auch dann nicht, wenn er selbst Träger der Keime ist. Das wissen Sie doch sehr genau.

"Die herausragende Verantwortung der Tierhaltung für die Resistenzproblematik wird seit mehreren Jahren gebetsmühlenartig in der Presse heruntergeleiert." Noch eine Nebelkerze. Und anscheinend ein Argument des Selbstmitleids! Die meisten Artikel, die ich zählen konnte, betrafen bisher die Krankenhaushygiene und die die leichtfertige Verschreibungspraxis der Allgemeinmediziner. Jetzt ist endlich auch mal die Landwirtschaft dran. Es wurde Zeit! Stellen Sie sich der Verantwortung und wiegeln Sie nicht einfach ab!

Mit dem Gutachten hinsichtlich des Dispensierrechts meinen Sie das im Oktober 2014 erschienene "Gutachten zur Überprüfung des tierärztlichen Dispensierrechts" der Unternehmensberatung KMPG? Die KPMG gehört zu den zwielichten Wirtschaftsberatern, die die gerade aufgeflogenen Steuersparkonzepte für Luxemburg entwickelt haben. Sie wollen doch wohl niemandem weismachen, dass dieses Gutachten rein wissenschaftlich ist?

Sicherlich ist das Dispensierrecht nicht allein seligmachend, beispielsweise muss zusätzlich die Abhängigkeit von Apotheken von bestimmten Medizinern reduziert werden. Aber die Abschaffung des Dispensierrechts wäre ein Anfang, ein erster Schritt in die richtige Richtung!

Ihre Landwirtin Frau Seeger sagt: "Als Landwirte sind wir es gewohnt, mit der Natur zu arbeiten. ... Das Wohl unserer Tiere und eine nachhaltige Produktion liegen uns sehr am Herzen." Wie ist das mit der industriellen Massentierhaltung vereinbar? Ich habe mehrere Landwirte in der Familie. Ich weiß daher, was respektvoller Umgang mit Tieren bedeutet. Und ich habe die Strukturen der industriellen Massentierhaltung kennengelernt: Da steht eben nicht das Wohl der Tiere an zentraler stelle, sondern allein der Profit.

Solange Sie nicht ganz klar Farbe bekennen, für was Sie stehen, wenn Sie groß schreiben: "Dafür stehen wir", wird Ihre Kampagne hohl bleiben. Einen echten Dialog, da bin ich sicher, wird das nicht fördern!

Einen echten und ehrlichen Dialog haben wir aber nötig. Das wäre mein Wunsch für 2015!

Mit freundlichen Grüßen,

Volkmar Heitmann
Volkmar Heitmann
29.12.2014 16:22:37
Mein "verloren gegangener" Beitrag von gestern noch einmal:

Die "VerDia"-Kampagne beantwortet Fragen, die so gar nicht gestellt wurden. Damit erweckt sie letztlich den Anschein, Nebelkerzen zu werfen, um von der eigentlichen Problematik abzulenken. Vielleicht hat "VerDia" die Fragen, die die ZEIT-Artikel aufgeworfen haben, aber auch nur falsch verstanden?

Die wesentliche Frage ist doch nicht, ob Antibiotika im Fleisch sind, sondern, ob die derzeitige Form der industriellen Massentierhaltung die Bildung antibiotikaresistenter Keimen fördert.

Zu dieser Grundfrage gehören auch ganz konkrete Folgefragen: Wenn denn die Landwirte und Tierärzte so außerordentlich verantwortungsbewusst handeln, wo sind denn die rund 1.500 Tonnen Antibiotika geblieben, die laut Bundesbehörden über die Tierärzte verteilt wurden? Wo sind allein die rund 15 Tonnen Fluorchinolone, also für den Menschen wichtige Ersatz-Antibiotika, geblieben? Warum sind so viele Landwirte und Tierärzte Träger von multiresistenten Keimen?

Die ZEIT-Artikel stellt auch weder Landwirte noch Tierärzte generell an den Pranger. Genauso wenig wird der Landwirtschaft die alleinige Schuld an der Zunahme multiresistenter Keime gegeben. Indem die "VerDia"-Kampagne das aber suggeriert, verschärft sie die Problematik, anstatt zu ihrer Lösung beizutragen.

Mir fallen sofort drei Möglichkeiten ein, die Gefahr zu entschärfen:

- Das Dispersionsrecht der Tierärzte aufheben: Wenn die Tierärzte nicht auch gleichzeitig Pharmahändler sein dürfen, fällt automatisch ein Interessenkonflikt weg. Nicht ohne Grund wird das in der Humanmedizin schon seit Langem so gehandhabt.

- Die industrielle Massentierhaltung einschränken: Mit artgerechterer Haltung sinkt auch der Verbrauch an Antibiotika. Sie reden von nachhaltiger Landwirtschaft. Die aber gibt es nur, wenn die Artenvielfalt nicht weiter reduziert wird.

- Nicht nur über die niedrigen Preise schimpfen, die sich mit landwirtschaftlichen Produkten erzielen lassen, sondern in wirklicher Solidarität unter den Landwirten zu angemessenen Preisen kommen. Dazu gehört auch ein deutlicher Ausbau der Transparenz: Komplette Nachverfolgbarkeit der landwirtschaftlichen Erzeugnisse vom Futter über die verwendeten Zusatzstoffe bis hin zum Endprodukt im Supermarktregal.

Wenn Sie sich dafür einsetzen würden, könnte ich tatsächlich wieder etwas mehr Vertrauen in die konventionelle Landwirtschaft gewinnen.

Volkmar Heitmann
(Dipl.-Physiker Biophysik)
Kommentar:
Sehr geehrter Herr Heitmann,

vielen Dank für Ihren Beitrag.
Unsere Anzeige möchte keine Fragen beantworten. Zu diesem Zweck ist diese Internetpräsenz eingerichtet worden. Die Anzeige ist leider die einzige Möglichkeit, überhaupt in der Publikumspresse zu erscheinen. Ansonsten hat man wenig Gelegenheit einen größeren redaktionellen Beitrag zu liefern, um die Sicht auf die Dinge zu präsentieren.

Sie haben sehr essentielle Fragen aufgeworfen, zu denen ich aus meiner Sicht in diesem Kommentar nur kurz Stellung nehmen möchte:

1. Jeder Einsatz von Antibiotika legt den Weg zur Resistenzentwicklung.
2. Die schlechte Behandlung von 100 Schweinen in einem Kleinbetrieb ist ist unter Umständen folgenreicher, als die gute Behandlung von 1000 Schweinen in einer größeren Anlage.
3. Warum ist der Einsatz von 1500 Tonnen Antibiotika in der Tierhaltung ein Indiz für verantwortungsloses Handeln? Bis vor drei Jahren hatten wir noch gar keine verlässlichen Referenzwerte. Jetzt haben wir ein staatliches Antibiotika-Monitoring, welches von einem privatwirtschaftlichen Monitoring flankiert wird.
4. Landwirte und Tierärzte sind in hohem Maße Träger eines multiresistenten Bakterien-Klons, der überhaupt erst seit 10 Jahren bekannt ist. Wichtig ist aber die Unterscheidung zwischen "Kontamination" (Staub), Besiedelung und Infektion - Der Erreger ist in der Umgebung der Tiere vorhanden, ohne dass gravierende krankmachende Eigenschaften von ihm ausgehen. Ansonsten wären 70% der Landwirte und Tierärzte bereits tot. Aber natürlich muss dieser Keim aus dem Krankenhausalltag herausgehalten werden. Hier ist humanmedizinische Biosecurity gefragt.
4. Die herausragende Verantwortung der Tierhaltung für die Resistenzproblematik wird seit mehreren Jahren gebetsmühlenartig in der Presse heruntergeleiert. Vor allem wird grundsätzlich der Eindruck erweckt, dass mehrere zigtausend Todesfälle wegen antibiotischer Resistenzen auch auf den Arzneimitteleinsatz in der Tiermedizin zurückzuführen sind. Das ist einfach nicht richtig!
5. Eine Änderung der Vertriebsweges von Antibiotika (Abschaffung des Dispensierrechtes) wäre kaum zielführend. Das haben aktuelle Gutachten zum Glück erkannt. Dennoch ist mit dieser Ausnahme vom Apothekenrecht eine besondere Verantwortung verbunden, der wir uns stellen wollen. Ein humanmedizinischer Kollege hat die Sache in einer Anhörung ganz schnell auf den Punkt gebracht: Wir Ärzte haben kein Dispensierrecht, jedoch ein gravierendes Resistenzproblem in der Gesellschaft...

So weit zunächst...vielen Dank für den Austausch

Mit den besten Grüßen, Rolf Nathaus
Jürgen Busse
29.12.2014 12:05:39
Werbung sieht schön aus, hat aber oft nichts mit der Realität zu tun ...
Laut Hannoverscher Allgemeiner Zeitung hat sich zwischen 2009 und 2013 die Zahl der Verstöße gegen Tierschutzvorschriften verdoppelt; 2013 waren es 10.000 Fälle. Für mich ist das nur die Spitze des Eisbergs ...
Kommentar:
Lieber Herr Busse,

wir werben nicht, wir positionieren uns. Damit sind natürlich auch Forderungen verbunden. Das ist ein gewaltiger Unterschied...Beste Grüße RN
Volkmar Heitmann
29.12.2014 11:29:51
Sehr geehrte Damen und Herren,

gestern hatte ich in Ihr Gästebuch gepostet. Allerdings erscheint der Beitrag nicht. Ist der Beitrag nicht angekommen?

Ich würde mich über eine kurze Rückmeldung freuen!

Mit freundlichen Grüßen,

Volkmar Heitmann
Kommentar:
Herr Heitmann, Ihr gestriger Beitrag ist in der Tat nicht angekommen. Bitte schicken Sie uns Ihre Nachricht erneut!
Norbert Eigl
28.12.2014 16:36:06
Leider ist diese Werbeeinschaltung
- ihr Geld nicht wert und
- verharmlosend irreführend, denn

die in der "Zeit" aufgedeckten Missstände werden ignoriert;
das Thema Multiresistenzen nicht angesprochen;
dafür von Antibiotika im Fleisch gesprochen, was eigentlich kein Thema ist (sein sollte);
Nullaussagen getroffen, die weder informativen noch aufklärenden Charakter haben und eher verharmlosend wirken (sollen)

Herr Dr. Nathaus: Verbrauchersicherheit gehört sicher nicht zu den zentralen Anliegen der Wirtschaft
Herr Steinert: als Journalist die Realität als überzeichnete Schreckensszenarien zu bezeichnen, lässt Zweifel an der Berufswahl aufkommen.
Frau Seeger: Fällt unter "Wohl der Tiere" auch die gerade in der linken oberen Ecke Deutschlands beheimatete Massentierhaltung?

Wem spielen Sie denn in die Hände? Sicher nicht dem Verbraucher.
Auch wenn Sie vielleicht wirklich dem "normalen" Bauernstand" helfen wollen. Nur kommt´s so nicht an.

Empfehlung: Nicht jammern, wie arm alle sind, sondern gegen die großen Gefahren Massentierhaltung, Antibiotikamissbrauch, Multiresistenzen, Grundwassergefährdung, Geruchsbelästigung, Ausbeutung etc. antreten! Dafür sollte sich der Förderkreis starkmachen. Oder glauben Sie, dass die Konsumenten obige Gefahren nicht als solche sehen?
Unterstützen Sie eine Politik, die dem Mittelstand und den Kleinen eine Chance gibt - das wäre ein Ziel im Sinne des Verbraucherschutzes (und nicht des Verbrauchergeldbeutelsc­hutzes)­.
Kommentar:
Sehr geehrter Herr Eigl,

die Anzeige hat nicht den Aufgabe, eine Gegendarstellung zu leisten. Das Thema der Antibiotika im Fleisch halte ich hingegen schon für zentral; acht von zehn Verbrauchern ist nämlich nicht bewusst, dass sie keine Arzneimittel zu sich nehmen.

Die Verbrauchersicherheit ist fester Bestandteil des §1 tierärztlicher Berufsordnung und wir sind uns doch einig, dass eine vorausschauende Wirtschaft es sich kaum leisten könnte diese Gesichtspunkte zu ignorieren!?

Schließlich möchte ich festhalten, dass die von Ihnen beschriebenen "großen Gefahren" dem Verbraucher in Zukunft sehr viel differenzierter dargestellt werden müssen, als Sie dies hier andeuten. Das ist unsere zentrale Zielsetzung; nur so erreichen wir Glaubwürdigkeit.

Keine Frage:

1. Die gesellschaftlichen Ansprüche an die Tierhaltung haben sich aus vielen Gründen gewandelt. Das erfordert wissenschaftlich fundierte Lösungen.

2. Die Gefahren antibiotischer Resistenzen erfordern gesamtgesellschaftliche Lösungsansätze. Es ist hochgradig fahrlässig einseitige Schuldzuweisungen vor sich her zu tragen.

Unter diesen Gesichtspunkten lade ich Sie ein, diesem Dialog in 2015 zu folgen und freue mich über konstruktive Lösungsansätze für die von Ihnen angesprochenen Probleme.

Mit den besten Grüßen, Rolf Nathaus
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